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120 Jahre Jenaer Nahverkehr: Ein besonderes Jubiläum

120 Jahre Jenaer Nahverkehr

 

Ein ganz besonderes Jubiläum begeht der Jenaer Nahverkehr Anfang April 2021: Vor 120 Jahren, am 6. April 1901, fuhr das erste Mal eine Straßenbahn im Linienbetrieb durch unsere Saalestadt. Sie startete an der Haltestelle „Zentrale“ (Elektrizitätswerk) und fuhr über den Holzmarkt zur Endhaltestelle „Schubertsburg“ am Fuße der Mühlenstraße. Die landespolizeiliche Abnahme der Straßenbahnstrecke erfolgte fünf Tage zuvor, am 1. April 1901.

„Wir Menschen wollen Mobilität, wir wollten schon immer mobil sein – früher wie heute. Seit den ersten Linienfahrten mit der Straßenbahn hat sich viel verändert. Wir Menschen haben uns verändert und die Mobilität hat sich an unsere Bedürfnisse angepasst“, sagt Andreas Möller, Geschäftsführer des Jenaer Nahverkehrs. Der kleine Straßenbahnbetrieb von 1901 mit fünf Linien, einem Gleisnetz mit 11,3 Kilometer Länge und einem Fuhrpark aus 17 Motor- und 4 Anhängerwagen hat sich über die Jahrzehnte zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen mit über 380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelt, die im 24-Stunden-Service täglich tausende Fahrgäste zuverlässig an ihre Ziele bringen.

Heute fahren die Straßenbahnen in einem Gleisnetz von über 50 Kilometer Länge, zum Fuhrpark zählen 38 Straßenbahnen sowie 46 Busse, drei der Busse fahren bereits mit elektrischem Antrieb. Ergänzt wird das Mobilitätsangebot um 150 evita-E-Roller, die in Jena verteilt stehen und jederzeit für individuelle Fahrten gemietet werden können. Steffen Gundermann, Geschäftsführer des Jenaer Nahverkehrs sagt: „Unsere Lebenswelt erfordert Flexibilität und Mobilität, Entscheidungs- und Anpassungsfähigkeit, permanente Aufmerksamkeit und Erreichbarkeit. Wir wollen uns auch zukünftig mit unseren Mobilitätsangeboten weiterentwickeln und auf Veränderungen einstellen. Ein nächster Meilenstein dafür sei beispielsweise die Beschaffung der nächsten Straßenbahngeneration mit größeren Fahrzeugen und mehr Platz für mehr Fahrgäste ab Ende 2022.

 

Die Historie im Überblick

1901                 Der Straßenbahnverkehr startet mit 17 Motorwagen, vier Anhängern und vier Güterwagen. Inbetriebnahme der Strecke Zentrale – Holzmarkt – Schubertburg.

 

1928                 Die ersten Busse fahren auf zwei Linien.

 

1935                 Inbetriebnahme der Straßenbahnstrecke nach Lobeda.

 

1949                 Gründung des VEB Städtischer Verkehr Jena.

 

Ab 1962           Zweigleisiger Ausbau diverser Strecken.

 

1990                 Aus dem VEB (K) Städtischer Nahverkehr Jena wird die Jenaer Nahverkehrsgesellschaft mbH gegründet.

 

1991                 Die ersten Niederflurbusse werden eingesetzt.

 

1996                 Die ersten zehn Niederflurstraßenbahnen verkehren im Liniennetz. Eröffnung des ersten Teiles der Neubaustrecke zwischen Winzerla und Lobeda.

 

1997                 Eröffnung der Straßenbahn-Neubaustrecke nach Lobeda-Ost und Lobeda-West durch die Oberaue.

 

1999                 Einweihung des Servicecenters in der Holzmarkt-Passage.

 

2008                 Der Betriebshofneubau in Burgau ist nach elf Jahren Bauzeit abgeschlossen.

 

2009                 Eröffnung der Neubaustrecke Lobeda-West – Bahnhof Göschwitz – Burgau.

 

2017                 Solaranlage auf dem Dach der Straßenbahnabstellhalle auf dem Betriebshof Burgau wird in Betrieb genommen.

 

2020                 Die ersten drei elektrisch betriebenen Busse starten in den Linienbetrieb.

O-Ton Konrad Spath, Nahverkehrs-Experte: „Wenn in diesem Jahr am 6. April die Jenaer

Straßenbahn ihren 120. Geburtstag feiert, haben alle anderen Straßenbahnen in Thüringen dieses Alter längst erreicht – oder aber sie bestehen nicht mehr. Die spannende Geschichte der Straßenbahn und des Nahverkehrs in Jena reicht über viele Etappen, war von Höhen und Tiefen, schwierigen

Diskussionen und klugen Entscheidungen geprägt. Dazu in den Archiven und Dokumenten zu

stöbern, bereitet mir immer viel Freude.“

 

Die Straßenbahntypen im Wandel der Zeit:

Von Breslau bis Valencia – von der Gründung bis in die Gegenwart

Als am 6. April 1901 der Straßenbahnverkehr in Jena aufgenommen wurde, startete das Unternehmen mit 17 Triebwagen von der Breslauer Aktiengesellschaft für Eisenbahn-Wagenbau. Bei diesen Fahrzeugen war der Führerstand noch nicht verglast, die Fahrzeugführer standen und waren „Wind und Wetter“ ausgesetzt.

In den Jahren 1929 und 1930 wurden je fünf Stück neue Triebwagen aus der Gothaer Waggonfabrik in Betrieb genommen. Der historische Triebwagen 26 ist ein Vertreter dieser Serie. Dieser Wagen fuhr von 1929 bis zur Einstellung des Straßenbahnbetriebes 1975 mit der Nummer 19 in Eisenach im Linienverkehr. Am 12. März 1976 wurde er auf Initiative von Nahverkehrsfreunden nach Jena überführt und kam erstmalig am 26. März 1976 anlässlich der Jubiläumsveranstaltung zum 75. Geburtstag der Straßenbahn zum Einsatz.

Prägend für den Jenaer Straßenbahnfuhrpark bis in die frühen 2000er Jahre waren die „Gothawagen“ des Standardtyps ET 57. Von 1954 bis 1962 wurden 13 dieser Triebwagen in Betrieb genommen und beförderten über viele Jahrzehnte die Fahrgäste durch die Saalestadt. So ist zum Beispiel der zweite historische Triebwagen des Nahverkehrs mit der Nummer 101 bereits seit 1959 in Jena. Das Fahrzeug ist im Einsatzzustand des Jahres 1993 unterwegs.

Mitte der 90er Jahre begann die Modernisierung des Straßenbahnfuhrparks. Am 13. Dezember 1995 traf die erste Niederflurstraßenbahn des Typs GT6M-ZR der Firma Adtranz in Jena ein, im Jahr 1996 wurden zehn dieser Niederflurfahrzeuge in Dienst gestellt. Bis November 1997 trafen insgesamt 19 Fahrzeuge ein. Nachdem von Mitte 2002 bis Mitte 2003 weitere 14 Straßenbahnen des Typs GT6M-ZR nach Jena geliefert worden waren, konnten die „Gothawagen“ aus dem planmäßigen Linienbetrieb genommen werden.

Seit 2014 ergänzen fünf Straßenbahnen des Typs Tramino von der Firma Solaris den Fuhrpark des Jenaer Nahverkehrs – und bereits in der Planung und Beschaffung ist die nächste Fahrzeuggeneration, der 800er TRAMLINK Jena von der Firma Stadler (Valencia).

Nachdem 2002 und 2003 immer mehr Niederflurfahrzeuge ihren Betrieb aufnahmen, stellte sich wieder die Frage: Was wird eigentlich aus den vielen Gothawagen, die nicht für die historische Flotte benötigt werden?

Die Nachfrage war schon Ende der 90er Jahre erstaunlich groß. Und auch etliche Fahrzeuge fanden Anfang der 2000er Jahre eine neue Heimat. Dabei war die Spannbreite der Zielorte als auch der zukünftigen Nutzung sehr groß. Von der Nutzung als Aufenthaltsraum auf einem Jenaer Campingplatz, als Baubüro in Eisenberg, als Begegnungsstätte im Gemeindezentrum Ludwigsdorf bis zur Nutzung als Kulturstätte in Wunsiedel – die ausgesonderten Bahnen waren vielfältig einsetzbar.

Einige Trieb- und Beiwagen wiederum waren in so gutem Zustand, dass sie noch in anderen Städten im Fahrgast- und Linienverkehr eingesetzt werden konnten. Bei der Ringbahn in Naumburg sind heute noch zwei Reko-Triebwagen und ein Reko-Beiwagen sowie drei Gotha-Triebwagen und ein Gotha-Beiwagen aus Jena im Bestand, davon sind ein Reko-Trieb- und ein Reko-Beiwagen sogar noch täglich im Einsatz. Zwei Fahrzeuge befinden sich in Revision und werden für den künftigen Einsatz vorbereitet.

Die weiteste Reise traten die beiden Triebwagen 102 und 138 im Oktober 2003 nach Istanbul an. Nach drei Wochen Umbau und Lackierung wurden die Bahnen ab November auf der neu eröffneten Ringbahnstrecke im asiatischen Teil Istanbuls eingesetzt.